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Fachartikel

Unter dieser Rubrik werden Sie verschiedene Fachartikel finden, welche sich mit den vielen Facetten der Thematik "Krav Maga" und artverwandten Themen beschäftigen.

 

 

 

„Greif mal wie ein Kickboxer an" - Die Frage nach dem realistischen Training in KK

Besonders im Training der Kampfkünste - der sich nicht an Sport oder Selbstverteidigung
orientierenden Systeme -, die oft eine gewisse Distanz zum direkten Kampf haben - im Vergleich
zu den sparringsorientierten Kampfsportarten und SV-Systemen -, hört man im Training häufig
"Greif mal wie ein Kickboxer/Boxer/'wie auf der Straße' an". Es geht dabei um die Simulation eher
einfacher Angriffe oder Kombinationen.
Was ist das Problem dabei? Jemand, der nie schlagen und treten gelernt hat, wird allenfalls die
technische Seite eines Schlagen oder Trittes ansatzweise simulieren können. Ein Jab ist
theoretisch jedem verständlich und erklärbar, ihn in der Praxis umzusetzen wiederum etwas ganz
anderes. Jemand, der jahrelang nur einen langsamen Tsuki geübt hat, wird auch einen Jab mit den
gleichen Attributen ausführen, die er sich im Zusammenhang mit dem Tsuki angeeignet hat. Der
simulierte Jab ist dabei allenfalls ein modifizierter Tsuki, nicht vergleichbar mit dem Jab eines
Boxers.
Was ist die Gefahr einer solchen Simulation? Aus meiner Sicht werden die Menschen in Sicherheit
gewogen, sie könnten sich gegen realistische Angriffe verteidigen. Wer hier sein Veto einlegen will,
sollte sich einen guten Kickboxer als Sparringspartner suchen. Ich möchte an dieser Stelle nicht
einmal von der Arroganz sprechen, die in "Greif doch mal wie ein Kickboxer an" steckt, denn
niemand kann ohne Training so angreifen wie jemand, der es jahrelang trainiert hat.
Hinter diesen Simulationen steckt die Befürchtung - manchmal auch das Wissen -, dass die eigene
Kunst sehr weit von der Realität entfernt ist, deshalb bedient man sich anderer Techniken, die dem
eigenen Empfinden nach näher an der Realität sind.
Wie ist nun dieses Problem zu lösen, was sind es für Umgebungsvariablen, die "realistisch"
machen?
Es sind 2 Faktoren: Adrenalin und Stress
Adrenalin als Stresshormon führt zur einem Anstieg von Bluthochdruck und der Steigerung der
Herzfrequenz. In einem Randori/Sparring nimmt die Ausschüttung des Stresshormons zu, je länger
der Kampf dauert und die Stressoren zunehmen. Je auswegloser eine Situation scheint, desto
höher geht der Adrenalinspiegel. Gesteigerte Aggressivität ist die Folge. In einer kooperativen
Umgebung, in der man nett zueinander ist, wird kein Adrenalin ausgeschüttet - wenn man es nicht
durch weitere Reize evoziert.
Stress ist eine körperliche und psychische Reaktion auf äußere Reize, die den Menschen an den
Rand seiner Leistungsgrenze bringen. Stress tritt durch Überforderung auf. Jede ungewohnte
Situation ist eine Stresssituation, je nach Belastung, die sie für einen bedeutet, ist auch der Stress
höher. Die Angst, Verletzungen zu erleiden oder getötet zu werden, ist einer der intensivsten
Stresszustände, die ein Mensch durchleben kann. In einer kooperativen Umgebung und mit einem
Trainingspartner, der einen nicht verletzen will bzw. dieses möglichst vermeiden, entsteht keine
Stressituation.


Was ist nun die Quintessenz?


"Greif mal wie ein Kickboxer an" bringt, selbst wenn jemandem der technische Ablauf einer
Bewegung bekannt ist, keinen Gewinn an Realismus, wenn es sich um eine Situation handelt, die
keinen Stress erzeugt und bei der folglich kein Adrenalin ausgeschüttet wird.
Anders herum wird jeder Angriff realistisch, wenn er im Sparring unter Stress und Adrenalin erfolgt.
In diesen Situationen zeigt sich, inwieweit Bewegungsmuster wirklich anwendbar sind.
Ich möchte mit diesem Blog zumindest zum Mut aufrufen, einerseits die bloßen Techniken anderer
Systeme nicht für realistischer als die eigenen zu halten, andererseits auch dazu anregen, die
eigenen Techniken realistisch zu trainieren. Der einzige Grund, warum bestimmte Systeme als
realistischer gelten und es vielleicht auch sind, liegt einfach in der Tatsache begründet, dass sie
ihre Techniken unter realistischen Bedingungen - Stress und Adrenalin - trainieren und prüfen.

 

Lars Dickhoff

 

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